Kohrlis Zettel

„Lass uns schwimmen gehen, lass uns raus gehen, in die Sonne, an das Meer. 

Springen in den See ohne Klamotten, einfach nur so. „

Diese Sätze kann Kohrli nicht mehr hören. 

Immer wollen seine Freunde ihn ermuntern, rauszugehen. 

Dabei ist er derzeit einfach nur gern allein, bei sich in seinem geschützten Zimmer, da wo ihn keiner sehen kann. 

Denn mitten in der Pubertät findet er sich nicht mehr schön. Seine Haut unter den viel zu großen Klamotten fängt an Falten zu schlagen und Erhebungen zu bilden. 

„Erwachsenwerden nervt“- denkt er sich, wenn er sich in den Spiegel schaut, nachdem er aus der Dusche kommt. 

„30° im Schatten und ich verkriech mich. Dabei bin ich doch so gesellig, dabei bin ich doch gern unter Anderen, unter Freunden. In der Natur, die einem so viel gibt.“ Doch dann die andere Stimme in seinem Kopf „ so kannst du dich nicht zeigen, nein, so funktioniert das nicht. Schau doch mal die anderen an, auf deinem Handy, hübsch und ohne Makel.“. 

Die Stimme wird lauter, die Anfragen von Freunden weniger. 

Und dann, eines Morgens mitten im Juni findet er im Briefkasten einen Zettel: „Du bist schön.“ 

Er schmunzelt, weiß nicht, woher das kommt. Am Abend betrachtet er den Zettel, „ es muss ein Versehen sein“, denkt er sich und schläft ein. 

Am kommenden Morgen, die Sonne kitzelt seine Nase, findet er auf dem Weg in die Küche wieder einen Zettel am Briefkasten liegen: „Du bist wertvoll“. Eine ganz andere Schrift, ein andere Stil. 

Er schaut sich um, findet es weiterhin komisch. 

Doch mit wem soll er drüber reden? Er beschließt vorerst den Zettel zu dem anderen zu legen. 

Am kommenden Morgen „Du bist wundervoll“. Er lässt die Nachricht, welche ihn im strahlenden weiß entgegenleuchtet, auf dem Boden liegen. „Das kann doch nicht für ihn sein“, so direkt seine Gedanken dazu. 

Doch um 14:00 liegt er immer noch da, kein anderes Familienmitglied hat ihn gesehen oder wahrgenommen. Und somit hebt er ihn auf, legt ihn ebenso zu den anderen. 

Die Wochen vergehen und jeden Morgen ist eine Nachricht in einer anderen Schriftart vor seiner Tür. 

„Du bist ein Geschenk“, „Du bist Liebe“, „Du bist großartig“. 

Nachrichten, welche ihn berühren. Er fängt an sich schon Morgens auf die Nachricht zu freuen, sie als Geschenk zu sehen, auch wenn es für ihn immer noch ein Rätsel ist woher. Denn seine Laune steigt langsam an, die Anrufe der Freunde werden wieder mehr und nach drei Wochen beschließt er, mit an den See zu gehen. 

Badehose gepackt, Handtuch in den Beutel. Kurz bevor er losgeht noch einmal ein Blick auf dem mittlerweile schon beträchtlich großen Stapel an Zetteln- „ja, ich bin gut so wie ich bin“. 

„Mami, ich geh mit den andern schwimmen, warte nicht auf mich“, tönt es freudestrahlend durch den Flur. 

Grinsend sieht die Mutter seinem Kleinem hinterher und denkt sich: 

„Manchmal ist es doch egal, welche Stimmen die Gedanken ändern. Schwimm für mich mit kleiner Kohrli.“